Der Stock im Eisen

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Auf dem Stock im Eisen-Platz, nicht weit vom altehrwürdigen Stephansdom, steht in der Nische eines Hauses ein Baumstamm, der so dicht mit Nägeln aller Art beschlagen ist, dass man nur wenig vom Holz sehen kann. An diesen "Stock im Eisen", wie dieses Wahrzeichen im Volksmund heisst, knüpfen sich verschiedene Sagen, von denen die folgende wohl die verbreitetste ist:

Zur Zeit Leopolds des Heiligen, als noch der Boden des heutigen Wien zum grössten Teil mit Wäldern bedeckt war, sollte ein Jagdschloss für diesen Fürsten erbaut werden. Viele Leute von nah und fern fanden deshalb hier Beschäftigung und reichlichen Lohn. Da begab es sich, dass ein Schlosserjunge seinem Meister, von dem er sehr übel behandelt worden war, davonlief und einen überaus kunstvollen Nagel, der beim Bau des Jagdschlosses verwendet werden sollte, mitnahm. Der Junge lief und lief und wusste selbst nicht wohin, bis er ganz erschöpft unter einem Baum niedersank und weinend seines unüberlegten Schrittes gedachte. Behalten wollte und konnte er den Nagel nicht; so schlug er ihn denn in den Baum und fand dadurch sein Herz wunderbar erleichtert.

Im Laufe der Zeit wurden die Wälder immer lichter, Häuser, Strassen und Plätze entstanden an ihrer Stelle, nur der Baum, in welchem der kunstvolle Nagel steckte, grünte noch immer. Oft genug sassen die Leute in seinem Schatten und führten trauliche Gespräche. Da kam auch endlich seine Zeit. Er sollte gefällt werden. Doch der Rat der Stadt wollte ihn als Wahrzeichen erhalten wissen und liess daher den oberen Teil absägen, den Stamm aber mit einem Eisenband umgeben und dasselbe mit einem Schloss verschliessen, welches niemand zu öffnen imstande sein sollte. Aber keiner der einheimischen Schlosser getraute sich, ein solch kunstvolles Schloss zu machen; denn so gross die Ehre und so hoch der Verdienst gewesen wäre, ebenso schwierig war die Arbeit.

Da kam nun einmal ein fremder Geselle nach Wien. Dieser sprach beim Rat vor und erbot sich, ein Schloss für den Baum zu fertigen, das niemand mit einem zweiten Schlüssel, als dem, der für dasselbe eigens gemacht worden sei, öffnen könne. Sehr gerne ging der Rat von Wien auf dieses Anerbieten ein und bald hing das Schloss an dem Eisenband des Baumes. Als es sich aber um den Preis des Schlosses handelte, da war derselbe so gross und schier unerschwinglich, dass sich der Rat weigerte, ihn zu bezahlen; darüber wurde der fremde Schlossergeselle so zornig, dass er den Schlüssel hoch in die Luft schleuderte. Der schlüssel fiel nicht mehr herab und auch der Geselle verschwand auf eine ganz unerklärliche Art.

Nun war wohl das Schloss an dem Eisenband des Baumes, aber öffnen konnte es niemand, denn kein so kunstvoll gemachter Schlüssel wollte passen. Der Rat schrieb hohe Preise aus für den, der das Kunststück zuwege brächte; doch umsonst war alles Bemühen der vielen Schlosser, die das Werk unternahmen.

Hinweis: Senke dein Haupt!

Hint: Lower your view!
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